Ratgeber Ankerketten und Ankerleinen

Ratgeber Ankerketten und Ankerleinen

Alles rund um das Thema Ankerketten und Ankerleinen: Wir beantworten die wichtigsten Fragen und geben hilfreiche Tipps!
Jede Schiffsführerin und jeder Schiffsführer muss sich absolut auf die Qualität des Ankergeschirrs verlassen können – das gilt nicht nur am Liegeplatz in einer ruhigen und idyllischen Bucht, erst recht, wenn Wind oder Schwell aufkommt. Die Wahl des richtigen Materials ist also nicht nur eine Frage der Bequemlichkeit, sondern auch der Sicherheit des Schiffes und seiner Besatzung. Im Bereich der Ankerketten hält der Markt eine Vielzahl von Angeboten bereit und die unterschiedlichen Legierungen und Ausführungen bedienen nahezu alle Ansprüche. Generell gilt: Unter Berücksichtigung der Schiffsmaße, Wassertiefe und Ankergrund muss die Bruchlast der Ankerkette den individuell wirkenden Kräften durch Strömung, Wind und Wellengang in jeder Situation standhalten. Aber auch die Handhabung an Bord und das Gewicht einer Ankerkette spielen bei der Wahl eine wichtige Rolle, daher überwiegen bis zu einer bestimmten Bootsgröße manchmal die Vorteile einer Ankerleine oder eine Kombination von Leine und Kette.

Die Wahl der richtigen Ankerkette

Wie wähle ich die richtige Ankerkette aus?

Die Wahl der richtigen Ankerkette richtet sich in erster Linie nach Bootstyp und dem bevorzugten Revier. Feuerverzinkte Stahlketten sind in nördlichen Breiten weit verbreitet. „Sie sind preisgünstig, haben aber auch Eigenschaften die man kennen sollte“, weiß Dietbrecht., Ausrüstungsexperte bei SVB. „Wegen ihrer rauen Oberfläche haften ihnen gerne Schlick oder Algen an und die Reibung am Meeresgrund beschädigt auf Dauer die Zinkbeschichtung, sodass sie an beschädigten Stellen leicht Rost ansetzen.“

Außerdem rauschen sie beim Ankerlichten weniger leicht in den Kettenkasten: Sie bilden eine Pyramide und der hängende Teil ist irgendwann nicht mehr lang beziehungsweise schwer genug, um die Kette eigenständig in den vorgesehenen Stauraum hinabzuziehen. Bei glatten Edelstahlketten, auch Niro-Ketten genannt, ist dies nicht der Fall, dafür sind sie rund drei bis vier Mal teurer und manche Legierungen sind in Warmwassergebieten (Karibik oder Mittelmeer) wenig oder gar nicht korrosionsbeständig. Das Salzwasser frisst sich förmlich in den Stahl und bildet Löcher. Bleibt dieser Lochfraß unbemerkt, kann die Kette bei Belastung unvermutet brechen. Hochwertiger, sogenannter hochfester Stahl oder Duplex-Stahl soll ein solches Szenario verhindern, aber auch andere Produkte versprechen Korrosionsbeständigkeit.

Ankerkette

Ankerketten: DIN oder ISO?

Was bedeuten die Angaben DIN oder ISO bei Ankerketten?

In Deutschland sind Ankerketten nach Industrienorm DIN 766 gefertigt. Ankerketten aus anderen europäischen Ländern entsprechen oft dem ISO-Standard 4565. DIN-Größen entsprechen einheitlichen Maßen, die nach dem Deutschen Institut für Normung (DIN) festgelegt wurden. Die Internationale Organisation für Normung, kurz ISO (von griechisch isos = gleich), ist eine entsprechende internationale Normungsorganisation. Außerhalb Europas sind Ankerketten mit Zoll-Maßen üblich.

„Wenn eine Ankerwinsch an Bord zum Einsatz kommt, muss das Maß der Ankerkette auf jeden Fall zur Ankernuss passen“, rät der langjährige Kundenberater „Nur so ist sichergestellt, dass die Nuss die Kette sauber aufnimmt und ein Überspringen der Kette verhindert.“ Dank der strengen Norm funktioniert das bei den meisten Ankerketten ziemlich gut und die Kettenglieder rauschen zuverlässig über die Winsch. Kettenglieder aus Rundstahl sind in den Stärken sechs und acht Millimeter nach DIN und ISO identisch in Bezug auf Gliedlänge und Gliedinnenmaße. Unterschiede in der Einteilung gibt es erst ab einer Größe von zehn Millimetern. Die Angaben dazu sind in der Regel auf der Winsch vermerkt. Über das Material des Kettenstahls sagen die Industrienormen jedoch nichts aus und die Legierungen können sehr unterschiedliche Bestandteile enthalten. Stahlketten der Bezeichnungen 1.4401, AISI 316, V4A, 1.4404, AISI 316L sollen für Meerwasser in den Warmzonen nicht geeignet sein. Das Maß aller Dinge ist dort der Werkstoff 1.4462 (AISI 318LN).

Wahl der Ankerkettenstärke

Wahl der Ankerkettenstärke

Welche Stärke sollte meine Ankerkette haben?

Gesetzliche Richtlinien zur Kettenstärke gibt es nicht, die Verantwortung liegt also beim Eigner oder Skipper. Welche Ankerkette für das jeweilige Boot die beste ist, muss somit jeder für sich selbst entscheiden. Viele Angaben und Empfehlungen für Schiffsführer beruhen auf Sicherheitsrichtlinien der Yachtverbände oder der Klassifikationsgesellschaft Germanischer Lloyd (GL). Aus rein ökonomischer Sicht sollte eine Ankerkette natürlich immer nur so groß dimensioniert sein wie eben nötig. Erfahrene Bootsführer wählen die Kettenstärke gerne etwas höher, um im Ernstfall auf der sicheren Seite zu stehen. Die notwendige Stärke der Ankerkettenglieder ergibt sich aus der Schiffsgröße, also dem Bootsgewicht sowie der angegebenen Bruchlast der Ankerkette, die sich je nach Kettenmaterial unterscheidet. Manche Angaben legen zur Berechnung der Bruchlast einer Ankerkette die verdrängte Wassermenge eines Schiffes zugrunde, die bezogen auf die Masse dem Bootsgewicht entspricht. Der durchschnittliche Wert der Bruchlast bei zehn Millimeter Kettenstahl beträgt etwa 80 kN. Die Mindestbruchlast nach DIN 766 beträgt 4,0 t für eine 10-mm-Rundstahlkette. Die gebräuchlichen Stärken bei Sportbooten sind acht, zehn und zwölf Millimeter. Eine alternative Empfehlung liefert der Germanische Lloyd, die sich auf die Schiffslänge bezieht (GL-Empfehlung): Bis 8 Meter Bootslänge = 6 Millimeter Kettenstahl, bis 10 Meter = 8 Millimeter, bis 12 Meter = 10 Millimeter, bis 14 Meter = 12 Millimeter und bis 16 Meter = 13 Millimeter. „Welche Lasten eine Ankerkette aufnehmen kann, sieht man ihr von außen nicht an, deshalb sollte eine neue Ankerkette unbedingt über ein Prüfzertifikat des Herstellers verfügen“, empfiehlt der Segler und Wassersportexperte Dietbrecht.

Nur so ist die angegebene Bruchlast und Lehrenhaltigkeit (also die exakte Einhaltung der vorgegebenen Maße) garantiert, und Schiffseigner bleiben vor unliebsamen Überraschungen am Ankerplatz verschont. Die Preise für Ankerketten unterscheiden sich je nach Ausführung, Qualität und notwendiger Länge erheblich und liegen zwischen wenigen hundert bis mehreren tausend Euro.

TIPP: „Buchlasten bei verzinkten Ketten und nirosta Ketten sind gleich. Nur die Oberflächen unterscheiden sich. Daher der Preisunterschied.“

Ankerleine oder Ankerkette?

Sollte ich eine Ankerleine oder eine Ankerkette für mein Boot wählen?

Wegen ihrer hohen Zugfestigkeit bevorzugen viele Skipper eine Ankerkette. Aber auf Jollen, einem Schlauchboot oder einer kleinen Motoryacht (bis 1,5 t Gewicht) reicht eine Ankerleine und sie bietet durchaus Vorteile. Durch ihr geringes Gewicht ist eine Ankerleine leichter zu handhaben, außerdem trimmt das Gewicht einer Ankerkette das Vorschiff oft zu buglastig. Ein weiterer Vorteil einer Ankerleine: Auch eine Leine verfügt über eine stattliche Bruchlast, etwa acht Tonnen bei 22 Millimeter Stärke, und bei ungemütlichen Bedingungen mit Wellengang oder Wind ist sie wegen ihrer Elastizität einer Kette sogar überlegen. Die flexiblere Ankerleine federt auch dann noch dynamische Lastspitzen ab, wenn eine Ankerkette hart „einrucken“ würde. Das Einrucken passiert dann, wenn bei gespannter Kette gleichzeitig eine Welle den Bug anhebt. Hierbei besteht die Gefahr, dass der Anker aus dem Grund gerissen wird oder ein Schaden am Ankergeschirr, an der Winsch oder der Klampe entsteht.

Ab Bootsgrößen mit 1,5 t Gewicht sollte die Stärke einer Ankerleine mindestens zwölf Millimeter betragen. Auch für kleinere Boote wählt man aus Gründen der besseren Handhabung 10-Millimeter-Leinen, denn dünnere Ankerleinen schneiden beim Einholen leicht in die Hand. Ideales Leinenmaterial für eine Ankerleine ist Nylon oder Polyester mit Square-Geflecht. Polyethylen-Leinen eignen sich nicht als Ankerleinen, weil sie kein Wasser aufnehmen und deshalb aufschwimmen. Auch Festmacherleinen eignen sich nicht als Ankerleine. Festmacher müssen vor allem UV-beständig und flexibel sein sowie über gute Dehnungseigenschaft und Abriebfestigkeit verfügen.

Ankerleinen hingegen sind relativ reckfrei, aber trotzdem elastisch genug, um das Einrucken zu verhindern. Nachteil einer Ankerleine: Sie staut sich beim Ankerlichten im Gegensatz zur Kette nicht selbst im Kettenkasten und weil sie länger gewählt werden muss als eine Kette, ist der Platzbedarf größer. Bei Verwendung einer Ankerleine sollte unbedingt beachtet werden, dass der Schwojkreis größer ist. Liegt ein Schiff vor Anker, bleibt es selten fest an einem Punkt: Durch Änderungen der Windverhältnisse oder der Strömungsrichtung bewegt es sich innerhalb eines Kreisbogens um den Anker. Diese Bewegung nennt man schwojen. Dieser Kreis sollte natürlich frei von Hindernissen sein. Neben einer Vielzahl an Varianten hält der Markt darüber hinaus Ankerleinen mit Bleieinlage zur Beschwerung bereit. Diese Leinen kommen bevorzugt bei einem Zweitanker zum Einsatz.

Ankerleine oder Ankerkette

Länge der Ankerkette oder -leine

Wie lang muss meine Ankerkette sein?

Die Schiffsgröße, Strömung und Wellengang beeinflussen die zu wählende Länge einer Ankerkette. Grundsätzlich gilt: Je länger die Ankerkette oder Ankerleine, umso besser hält der Anker. Dabei ist der Zugwinkel entscheidend, der acht Grad nicht überschreiten sollte. Für eine optimale Vertauung eines Segelbootes oder einer Motoryacht reicht in der Regel eine Kettenlänge, die der 5- bis 7-fachen Wassertiefe entspricht. Wird statt einer Ankerkette eine Ankerleine verwendet, muss die Leinenlänge mindestens das Zehnfache der Wassertiefe gesteckt (ausgebracht) werden.

Kettenvorlauf

Wofür brauche ich einen Kettenvorlauf?

Wird eine Ankerleine verwendet, wird ab einem bestimmten Bootsgewicht ein Kettenvorlauf empfohlen. Ein Kettenvorlauf bezeichnet ein Stück Ankerkette, das durch sein Eigengewicht den Ankerschaft herunterzieht und dadurch die Haftreibung auf dem Grund, und damit die Effektivität des Ankers erhöht. Außerdem schützt der Kettenvorlauf auf felsigem Grund die Ankerleine vor Schamfilen. Ab einem Bootsgewicht von 1,5 t reicht nach GL-Empfehlung ein Kettenvorlauf von drei Meter Länge. Die Kreuzerabteilung des Deutschen Segler-Verbandes (KA) empfiehlt hingegen mindestens einen Kettenvorlauf von sechs Meter Länge.

Ankerreitgewicht

Ankerreitgewicht

In manchen Situationen hilft ein Ankerreitgewicht am Kettenvorlauf. Dieses zusätzliche Gewicht wird auf einem Schäkel an der Ankerkette hinuntergelassen und bewirkt zwei Dinge: Zum einen wird die Ankerkette nach unten gedrückt und hat eine längere Auflagefläche am Grund. Dies ist insbesondere dann von Nutzen, wenn der Spielraum zum Schwojen begrenzt ist. Zum anderen federt ein Ankerreitgewicht bei starken Böen das Einrucken in die Ankerkette ab und verhindert so ein Ausbrechen des Ankers.
Ankerleinen bieten Handel und Ausrüster in Meterware, bei Ketten in der Regel allerdings nur in Stärken bis 13 Millimeter, darüber nur in sogenannten „Kettenlängen“ von etwa 27 Metern. Die Länge der Ankerkette an Bord sollte je nach Revier mindestens 70 bis zu 120 Meter betragen, bei einer Ankerleine oder Kombination von Leine und Kette entsprechend mehr. Manche Bootsführer schwören auf ein Ersatzgeschirr bestehend aus Anker und Kette. Das kann in schwierigen Situationen helfen, benötigt aber wiederum Stauraum und bringt zusätzliches Gewicht an Bord. Normalerweise ist ein Ersatzgeschirr nicht nötig, wenn der Zustand der Kette regelmäßig geprüft wird.

Eine besondere Herausforderung stellt das Ankern in Tidengewässern dar. Damit auch bei Hochwasser mindestens das Fünffache der Wassertiefe an Kette ausliegt, muss ausreichend Kette gesteckt werden. Zudem muss bei Ebbe der größere Schwojkreis berücksichtigt werden.

Befestigung, Nutzung und Pflege der Ankerkette

Am Anker wird eine Ankerkette sinnvollerweise mit einem drehbaren Schäkel befestigt. Dieser verhindert ein Vertörnen der Ankerkette. Im Kettenkasten sollte das Ende einer Ankerkette mit einer Tauwerk-Lasching oder mit einem starken Stropp gesichert werden, damit im Notfall das Ankergeschirr leicht gekappt werden kann. Eine Leine wird stets an der Kette angeschäkelt und nicht etwa mit einem Seemannsknoten wie dem Roringstek am Ankerroring befestigt – im glatten, synthetischen Tauwerk hält der Knoten nicht zuverlässig. Außerdem verursacht jeder Knoten eine Schwachstelle, welche die Reißfestigkeit der Leine um etwa die Hälfte verringert. Ab einer bestimmten Bootsgröße empfiehlt sich der Einsatz einer elektrischen Ankerwinsch, weil das Ankergeschirr schlicht zu schwer ist. Sollte die Winsch einmal ihren Dienst versagen, können Skipper beim Ankerlichten dem Anker entgegenfahren, und so die Last etwas verringern. Dieses Vorgehen sollte generell erfolgen, weil es auch die Arbeit einer funktionierenden Winsch entlastet.

Da Ankerleinen nicht sehr schwer sind, können sie in der Regel leicht von Hand eingeholt werden. Manche Winschen verfügen aber zu diesem Zweck über einen speziellen Spill, der auf die Ankerwinden aufgesetzt wird. Auf Segelyachten ist ein solcher zusätzlicher Spill auf dem Vorschiff eher störend und außerdem gibt es dort in der Regel ausreichend Winden zum Verholen. Besondere Pflege benötigt eine Ankerkette nicht und ja nach Grad der Abnutzung kann sie über mehrere Jahre eingesetzt werden. Es schadet aber nicht, die Ankerkette und den Kettenkasten hin und wieder mit Süßwasser zu spülen und auf diese Weise zu reinigen.

TIPP: Wenn im Winter das Schiff an Land steht, muss unbedingt die ganze Kette samt Anker raus. Einfach die Ankerwisch laufen lassen, fertig. Dies bewirkt, dass die Kette nicht im feucht-salzigen Kettenkasten vor sich dahinrottet.